Lasel. Nicht nur Schüler gehen für den Klimaschutz auf die Straße. In Lasel machen sogar schon Dreijährige bei Fridays for Future mit. Jeden Freitag organisiert die Kita einen Protestmarsch im Dorf, um die Kleinsten an das Thema Nachhaltigkeit heranzuführen.

Von Christian Altmayer

Es ist ein ruhiger Dezembermorgen in Lasel. Der Wind bläst schneidend kalt und es schüttet vom Himmel. Dementsprechend leer sind die Straßen. Leer, bis auf eine kleine Karawane von Kindern, manche erst drei Jahre alt, die sich wacker gegen das Wetter stemmen.

Zu übersehen ist das Grüppchen dennoch nicht. Das liegt zum einen an den bunten Schildern, die die Mädchen und Jungs schwenken. Und zum anderen an ihrem Gesang, der so schrill durch die Luft hallt wie Trillerpfeifen. Und wohl auch durch manche Hauswand dringt.

INFO

Konsultationskitas in Rheinland-Pfalz

Das Land Rheinland-Pfalz unterstützt seit 2008 Konsultationstagesstätten bei der Umsetzung besonderer pädagogischer Konzepte. Bis zu 15 000 Euro gibt es jährlich. Derzeit haben neun Einrichtungen diesen Status. Und befassen sich unter anderem mit Digitalisierung, Inklusion oder Demokratie. Die Kita Lasel ist die einzige Konsultationskita in der Region Trier und die einzige mit dem Schwerpunkt „Mit Kindern die Natur erleben — Bildung für nachhaltige Entwicklung.“ Laut Leiterin Brigitte Wanken-Leibisch endet diese Förderphase zwar dieses Jahr. Die Kita wolle aber ihren Schwerpunkt beibehalten.

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„1,2,3,4 Kita Lasel, das sind wir“, rufen die Kinder im Chor: „5,6,7,8, die Zukunft wird mit uns gemacht.“ Oder: „Backe, backe, Kuchen, die Zukunft hat gerufen.“ Und weitere Abwandlungen bekannter Kinderlieder- und Reime. Auf ihren Pappschildern sind Bäume gemalt, die Erde oder auch Schildkröten.

Wirkt harmlos. Doch die Basteleien täuschen. Denn die Botschaft der Kinder ist ernst. „Kein Plastik im Meer“, steht auf einem Pappdeckel, auf einem anderen: „Die Erde gibt es nur einmal“.

Dringende Appelle. Denn die Folgen des menschengemachten Klimawandels werden immer deutlicher. Fünf Jahre nach dem Pariser Abkommen steuert der Temperaturanstieg auf drei Grad zu. 2020 wird wohl das wärmste Jahr in der europäischen Geschichte. Die Konsequenzen: Waldsterben, Niedrig- und Hochwasser, Umweltkatastrophen.

Wie all das mit unserem Lebensstil zusammenhängt, ist für manchen Erwachsenen schon eine komplexe Sache. Die Mädchen und Jungs aus der Kita Lasel, die jeden Freitag auf die Straße gehen, begreifen davon aber schon eine ganze Menge. Auch, weil Nachhaltigkeit seit Jahren ein Thema in der Tagesstätte ist.

Denn die ist eine von nur neun sogenannten Konsultationskitas in Rheinland-Pfalz (siehe Info). Der Schwerpunkt: „Mit Kindern die Natur erleben — Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Was das konkret heißt, erklärt Brigitte Wanken-Leibisch, die seit 42 Jahren die Einrichtung leitet: „Wir versuchen den Kindern einen engen Bezug zur Natur zu vermitteln, Umweltschutz und Nachhaltigkeit als Werte bereits in der frühen Kindheit mitzugeben.“

Nicht nur bei den Protesten sei man daher draußen, sondern das ganze Jahr über. Draußen wird gegärtnert oder mit Naturmaterialien gebastelt, drinnen mit frischen Zutaten gekocht. Insgesamt, sagt Wanken-Leibisch, sei das eine Erziehung, die prägenden Eindruck hinterlasse: „Unsere Kinder zertreten keinen Regenwurm, sie tun ihn zurück in die Erde. Die bringen auch keine Plastiktüten hierhin mit.“

„Am besten sollten wir alles unverpackt kaufen“, sagt auch der kleine Rafael. Salina, gerade 5, ergänzt: „Wir müssen Müll vermeiden und Wasser sparen.“ Und Iris scheint besonders gut informiert: „Wir sind Klimaschutzbotschafter.“ Und die Demo heute: wichtig.

Gut eine Viertelstunde dauert der Marsch der Kinder, der begleitet von Erziehern mehrfach anhält. Meist in Höfen, mit einigen Häusern in Hörweite, um möglichst viele Menschen im Dorf zu beschallen.

Die Resonanz im Ort dabei, sagt Wanken-Leibisch: „Eher distanziert. Es gehen mehr Türen zu als auf.“ Ein Passant, der das Geschehen zufällig verfolgt, scheint hingegen angetan: „Ich finde das gut, dass sie was machen. Ist ein wichtiges Thema. Die Kita ist da sehr engagiert.“ Eine Haltung, die auch die meisten Eltern teilen, sagt die Leiterin. Und auch für die Kleinen sei es „ganz selbstverständlich, das anzunehmen.“

Die Idee, bei Fridays for Future mitzumachen, kam aus der Einrichtung. 2018 haben die Laseler erstmals ihre Runde gedreht. Und seitdem möglichst keinen Freitag ausgelassen. Einzig Corona setzt Grenzen. Statt eines großen Pulks sind die Kinder derzeit in zwei Gruppen unterwegs. Durch die Trennung, auch während der Betreuung in der Kita, wollen die Erzieher verhindern, dass es zu Infektionen kommt.

Sonst stören sich die Kinder nicht mal am schlechten Wetter. Sie haben offensichtlich Spaß. Auch, weil es unterwegs einiges zu entdecken gibt. Einen weißen Reiher etwa, der am Ufer der Nims nach Beute sucht. Aber auch so manches, was Missfallen weckt.

So bemerkt die kleine Iris eine Öllache in einer Pfütze unweit des Tauberbaches. Was sie fast noch mehr ärgert als die vielen Zigarettenstummel, die Autofahrer offenbar achtlos aus dem Fenster geworfen haben. Ben hat eher ein Problem mit dem Wagen, der rückwärts am Berg anfährt und dabei den Motor jaulen lässt. „Puh, das stinkt“, sagt der Junge, als die Abgase zur Gruppe herüberwehen. Und das direkt vor der Haustür der Kita.

Als die Kinder dann zum Gesang ansetzen, ist der Benzingeruch zum Glück verflogen. Ein letztes Mal heißt es noch „5,6,7,8, die Zukunft wird mit uns gemacht.“ Dann geht es rein in die gute Stube. Bis sich der Protestmarsch nächsten Freitag wieder in Bewegung setzt.

Link zum Artikel:

https://www.volksfreund.de/region/bitburg-pruem/die-kleinen-fridays-eifeler-kita-kinder-protestieren-fuer-den-klimaschutz_aid-55175839